Jenseits des Gewöhnlichen
Wenn Düfte direkt ins emotionale Gehirn wirken
Das limbische System – unser emotionales Warn- und Erinnerungssystem
Unser Gehirn verarbeitet ständig unzählige Informationen: Geräusche, Berührungen, Bewegungen, Gedanken, Gefühle – und auch Gerüche.
Eine besondere Rolle spielt dabei das limbische System. Es umfasst mehrere miteinander verbundene Hirnstrukturen, die unter anderem an der Verarbeitung von Emotionen, Erinnerungen, Motivation und Stressreaktionen beteiligt sind.
Gerüche haben dabei eine Besonderheit: Die Verarbeitung von Geruchsinformationen ist eng mit Hirnregionen verbunden, die an Emotion und Gedächtnis beteiligt sind, unter anderem mit der Amygdala und dem Hippocampus. Deshalb kann ein bestimmter Duft innerhalb weniger Sekunden ein Gefühl, eine Erinnerung oder eine körperliche Reaktion auslösen.
Vielleicht kennst du das selbst:
Ein Duft erinnert dich plötzlich an deine Kindheit.
Ein bestimmtes Parfum löst ein vertrautes Gefühl aus.
Der Geruch von Wald, Lavendel oder frischer Wäsche vermittelt dir unmittelbar ein Gefühl von Ruhe und Sicherheit.
Das ist kein Zufall. Unser Geruchssinn ist sehr eng mit unseren emotionalen und körperlichen Reaktionssystemen verknüpft.
Was passiert bei Überreizung?
Bei einer dauerhaften Reizüberflutung kann das Nervensystem immer stärker in einen Alarm- und Schutzmodus geraten.
Geräusche werden plötzlich zu laut.
Licht wird unangenehm.
Berührungen werden schwer auszuhalten.
Konzentration fällt schwer.
Der Körper kommt nicht mehr richtig zur Ruhe.
Gerade bei neurodivergenten Menschen kann die sensorische Verarbeitung anders funktionieren. Das bedeutet nicht, dass jemand „zu empfindlich“ ist. Vielmehr können Reize intensiver, schneller oder anders verarbeitet werden.
Hier kann es hilfreich sein, dem Nervensystem gezielt vorhersehbare und angenehme Sinnesreize anzubieten.
Duft als sensorischer Anker
Eine gezielte Duftstimulation kann dabei als sensorischer Anker eingesetzt werden.
Ein angenehmer, individuell ausgewählter Duft wird bewusst und dosiert eingesetzt – beispielsweise während einer Ruhephase, einer Atemübung oder einer Übergangssituation.
Die Idee dahinter:
Duft → Wahrnehmung → emotionale Verarbeitung → Orientierung → Regulation
Gerüche können unsere Stimmung und unser emotionales Erleben beeinflussen. Studien zu Aromatherapie zeigen Hinweise darauf, dass insbesondere die Inhalation bestimmter ätherischer Öle bei manchen Menschen mit einer Verringerung von Stress- oder Angstsymptomen verbunden sein kann. Die wissenschaftliche Evidenz ist jedoch unterschiedlich stark und die Wirkung individuell.
Deshalb geht es in meinem Coaching nicht darum, einen bestimmten Duft als „Beruhigungsmittel“ einzusetzen.
Es geht darum, herauszufinden, welcher Sinnesreiz dem jeweiligen Menschen tatsächlich guttut.
Nicht jeder Duft ist für jeden Menschen angenehm
Gerade bei Neurodivergenz ist Individualität entscheidend.
Ein Duft, der für eine Person beruhigend wirkt, kann bei einer anderen Person Unwohlsein oder sogar zusätzliche Reizüberflutung auslösen.
Deshalb gilt:
Weniger ist mehr.
Die Duftstimulation erfolgt bewusst, niedrig dosiert und immer mit Blick auf die individuelle sensorische Verträglichkeit.
Mögliche Düfte können – abhängig von der Person und der Situation – beispielsweise Lavendel oder bestimmte Zitrusdüfte sein. Für Lavendelinhalation gibt es Hinweise auf eine mögliche Reduktion von Angstsymptomen, wobei auch hier weitere hochwertige Forschung notwendig ist.
Vom Reiz zur Regulation
Nicht jedes ätherische Öl ist gleich – worauf es ankommt
Ätherische Öle sind hochkonzentrierte Pflanzenextrakte. Doch ätherisches Öl ist nicht gleich ätherisches Öl.
Wenn Düfte gezielt zur sensorischen Regulation eingesetzt werden, spielt deshalb die Qualität eine wichtige Rolle. Entscheidend ist nicht nur, welche Pflanze auf dem Etikett steht, sondern woher die Pflanze stammt, wie sie angebaut und geerntet wurde, wie das Öl gewonnen wurde und welchen Qualitätskontrollen es unterliegt.
Worauf sollte man bei ätherischen Ölen achten?
🌱 Herkunft und Anbau
Die Qualität beginnt bereits bei der Pflanze. Interessant ist deshalb, ob der Hersteller nachvollziehen kann, woher die verwendeten Pflanzen stammen und unter welchen Bedingungen sie angebaut und geerntet wurden.
Eine sorgfältige Auswahl der Anbaupartner, eine nachvollziehbare Lieferkette und möglichst transparente Herkunft sind wichtige Qualitätsmerkmale.
🔬 Analytische Prüfung
Hochwertige ätherische Öle sollten nicht ausschließlich nach Geruch oder Aussehen beurteilt werden. Moderne Laborverfahren können die Zusammensetzung eines Öls untersuchen und Hinweise auf Verunreinigungen, Verfälschungen oder unerwünschte Zusätze liefern.
Dazu gehören beispielsweise chromatografische Verfahren wie GC und GC/MS sowie weitere physikalische, chemische und mikrobiologische Untersuchungen.
🌿 Schonende Gewinnung
Auch das Gewinnungsverfahren beeinflusst die Zusammensetzung eines ätherischen Öls. Je nach Pflanze kommen beispielsweise Wasserdampf-Destillation, Wasserdestillation oder Kaltpressung zum Einsatz.
Dabei ist wichtig zu verstehen: Ein Öl muss nicht zwangsläufig „besser“ sein, weil es auf eine bestimmte Weise gewonnen wurde. Entscheidend ist, dass das Verfahren zur jeweiligen Pflanze passt und die natürlichen Bestandteile möglichst sinnvoll erhalten bleiben.
🔎 Rückverfolgbarkeit
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Rückverfolgbarkeit: Idealerweise lässt sich nachvollziehen, aus welcher Quelle ein Öl stammt und welche Qualitätskontrollen zwischen Ernte, Verarbeitung, Abfüllung und Verkauf durchgeführt wurden.
So entsteht eine transparente Kette von der Pflanze bis zur Flasche.
Vorsicht bei vermeintlichen „Wunderölen“
Ein besonders hochwertiges ätherisches Öl ist kein Medikament und kein Wundermittel.
Auch ein hochwertiges Öl kann bei einem Menschen angenehm wirken und bei einem anderen Menschen Kopfschmerzen, Übelkeit oder Abneigung auslösen.
Gerade bei neurodivergenten Menschen kann die sensorische Wahrnehmung sehr individuell sein. Deshalb gilt für die Duftstimulation:
Nicht der Duft wird ausgewählt, sondern der Mensch steht im Mittelpunkt.
Was für eine Person beruhigend und vertraut ist, kann für eine andere Person ein zusätzlicher Reiz sein.
Qualität + Individualität + richtige Anwendung
In meinem Neurodivergenz-Coaching betrachte ich Duft nicht isoliert.
Ich nutze Duftstimulation als einen möglichen Baustein innerhalb eines individuellen sensorischen Regulationskonzeptes.
Dabei schauen wir gemeinsam:
- Welche Düfte werden als angenehm empfunden?
- Welche Gerüche lösen Stress oder Abwehr aus?
- Wann entsteht sensorische Überlastung?
- Welche Sinnesreize unterstützen die Regulation?
- Wie kann ein Duft gezielt und dosiert als sensorischer Anker eingesetzt werden?
Denn das Ziel ist nicht, einen Menschen „ruhigzustellen“.
Das Ziel ist, seinem Nervensystem passende Reize anzubieten, die Sicherheit, Orientierung und Regulation unterstützen können.
Qualität beginnt bei der Pflanze
Für mich bedeutet bewusster Umgang mit ätherischen Ölen deshalb:
wissen, woher sie kommen – verstehen, wie sie verarbeitet werden – auf nachvollziehbare Qualitätskontrollen achten – und den Menschen mit seiner individuellen Wahrnehmung in den Mittelpunkt stellen.
Denn gerade bei einem sensiblen oder überreizten Nervensystem gilt:
Weniger Reiz. Mehr Achtsamkeit. Mehr Individualität.
In meinem Neurodivergenz-Coaching betrachte ich Regulation ganzheitlich.
Dabei geht es nicht darum, Verhalten einfach „wegzumachen“.
Wir schauen gemeinsam:
Was überfordert das Nervensystem?
Welche Reize werden gesucht oder vermieden?
Was gibt Sicherheit und Orientierung?
Welche Sinnesreize können unterstützend eingesetzt werden?
Was braucht der Mensch, damit sein Nervensystem wieder aus dem Alarmmodus herausfinden kann?
Duft kann dabei ein kleiner, aber wirkungsvoller Baustein eines individuellen Regulations- und Reizmanagements sein.
Neurodivergenz verstehen. Entwicklung zulassen. Lösungen finden.
Sabrina Harden
Neurodivergenz-Coaching
www.neurodivergenz-coaching.com
0175-2665511