Stimulation mal anders 

Alphawellenmusik – wenn Klänge dem Nervensystem eine Pause ermöglichen

Zwischen Reizüberflutung und innerer Ruhe

Unser Gehirn verarbeitet jeden Moment unzählige Informationen: Geräusche, Licht, Bewegungen, Gedanken, Gefühle und körperliche Empfindungen. Besonders Menschen mit Neurodivergenz können Reize intensiver wahrnehmen oder Schwierigkeiten damit haben, zwischen wichtigen und unwichtigen Reizen zu filtern.

Wenn das Nervensystem dauerhaft auf „Empfang“ steht, kann sich das unter anderem durch innere Unruhe, Anspannung, Konzentrationsschwierigkeiten, Reizbarkeit oder das Bedürfnis nach Rückzug zeigen.

Eine Möglichkeit, einen solchen Regulationsprozess zu begleiten, ist die gezielte auditive Stimulation – beispielsweise durch ruhige Musik und Klangstrukturen im Alpha-Frequenzbereich.

Was sind Alphawellen?

Alphawellen sind elektrische Schwingungen des Gehirns, die im EEG typischerweise im Bereich von etwa 8–13 Hz beschrieben werden. Sie treten besonders bei wachen, entspannten Zuständen auf – beispielsweise wenn wir ruhig sitzen, die Augen schließen und unsere Aufmerksamkeit nach innen richten.

Dabei ist wichtig: Alpha bedeutet nicht einfach „Entspannung“. Moderne neurowissenschaftliche Forschung zeigt, dass Alpha-Aktivität wesentlich komplexer ist und unter anderem an der Regulation und Filterung von Informationen beteiligt sein kann.

Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit mit 54 Studien und insgesamt 2.569 Personen fand Zusammenhänge zwischen Alpha-Aktivität und verschiedenen Messgrößen von Entspannung. Die Ergebnisse unterscheiden sich allerdings je nach Hirnregion und verwendeter Messmethode.

Wie kann Musik dabei unterstützen?

Musik wirkt nicht nur über ihre Melodie. Auch Tempo, Rhythmus, Lautstärke, Klangfarbe und Wiederholung beeinflussen unsere Wahrnehmung und können mit körperlichen und emotionalen Reaktionen verbunden sein.

Eine systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2024 untersuchte 31 Studien zu Musik und anderen auditiven Reizen. Dabei zeigte sich, dass auditive Stimulation die Aktivierung des autonomen Nervensystems und kognitive Prozesse beeinflussen kann. Die Ergebnisse waren jedoch je nach Intervention und Messgröße unterschiedlich.

Auch neuere Untersuchungen zeigen, dass Musik Veränderungen der EEG-Aktivität hervorrufen kann. Das bedeutet jedoch nicht, dass jede Musik mit einer bestimmten Frequenz automatisch dieselbe Gehirnaktivität erzeugt.

Alphawellenmusik als Teil der Regulation

In meinem Neurodivergenz-Coaching nutze ich Musik und Klang daher nicht als „Therapie“, sondern als möglichen Reiz zur Unterstützung von Selbstregulation und Entspannung.

Eine ruhige Klangumgebung kann beispielsweise genutzt werden:

- bei innerer Unruhe

- während einer Entspannungspause

- nach einer reizintensiven Situation

- als Übergang zwischen Aktivitäten

- bei einer kurzen Achtsamkeitsübung

- während kreativer Prozesse

- zur Vorbereitung auf Ruhe oder Schlaf

- als Bestandteil einer individuellen Reizregulationsstrategie

Dabei steht nicht die Vorstellung im Vordergrund, das Gehirn müsse auf eine bestimmte Frequenz „gebracht“ werden.

Vielmehr geht es darum, herauszufinden:

Welche akustische Umgebung unterstützt DICH dabei, wieder in einen angenehmeren Regulationszustand zu kommen?

Besonders wichtig bei Neurodivergenz

Bei ADHS, Autismus, Hochsensibilität oder anderen Formen von Neurodivergenz kann die Verarbeitung von Geräuschen sehr unterschiedlich sein.

Was für einen Menschen beruhigend wirkt, kann für einen anderen Menschen störend oder sogar belastend sein.

Deshalb gilt:

Nicht jede Alphawellenmusik ist für jeden Menschen geeignet.

Auch Kopfhörer sind nicht automatisch die beste Lösung. Manche Menschen profitieren von einer gleichmäßigen, leisen Klangkulisse, während andere durch bestimmte Frequenzen, Stereoeffekte oder Kopfhörer zusätzlichen Stress erleben.

Die eigene Wahrnehmung steht deshalb immer im Mittelpunkt.

Ein einfacher Selbstregulations-Impuls

Du kannst zunächst mit wenigen Minuten beginnen:

1. Reize reduzieren

Suche dir einen möglichst ruhigen Ort.

2. Lautstärke niedrig halten

Die Musik sollte angenehm sein und nicht selbst zum Reiz werden.

3. Körper wahrnehmen

Wie fühlt sich deine Atmung an? Wie angespannt sind Schultern, Kiefer und Hände?

4. Musik bewusst hören

Nicht analysieren – einfach wahrnehmen.

5. Nach einigen Minuten beobachten

Fühlst du dich ruhiger, klarer und weniger angespannt? Oder fühlst du dich eher unruhig oder überfordert?

Genau diese individuelle Rückmeldung ist wertvoll.

Klang, Körper und Nervensystem gemeinsam betrachten

Regulation entsteht selten durch nur eine einzelne Methode. Deshalb kann auditive Stimulation mit weiteren Elementen kombiniert werden – beispielsweise mit bewusster Atmung, Bewegung, taktilen Reizen, kreativen Tätigkeiten oder einer reizarmen Umgebung.

In meinem ganzheitlichen Ansatz betrachte ich nicht nur das Verhalten eines Menschen, sondern auch die Frage:

Was braucht dieses Nervensystem gerade?

Denn manchmal braucht es mehr Aktivierung – und manchmal weniger.

Manchmal braucht ein Mensch Bewegung.

Manchmal Ruhe.

Manchmal Struktur.

Und manchmal einfach einen Moment, in dem die Welt ein bisschen leiser werden darf.

Neurodivergenz verstehen. Entwicklung zulassen. Lösungen anbieten.

Sabrina Harden

Neurodivergenz-Coaching

www.neurodivergenz-coaching.com