Jenseits des Gewöhnlichen

Bilaterale Stimulation mit einem EMDR-Gerät

Wenn gezielte Reize helfen können, wieder ins Gleichgewicht zu finden

Unser Nervensystem verarbeitet ständig innere und äußere Informationen. Bei Stress, Überforderung oder einer hohen Reizbelastung kann es passieren, dass die Verarbeitungskapazität vorübergehend an ihre Grenzen kommt.

Gerade neurodivergente Menschen können Situationen erleben, in denen Gedanken, Gefühle, Körperempfindungen und Umweltreize gleichzeitig sehr intensiv werden.

Eine Möglichkeit, Aufmerksamkeit gezielt zu lenken, ist die bilaterale Stimulation – also eine abwechselnde Stimulation der rechten und linken Körper- bzw. Wahrnehmungsseite.

Hierfür können beispielsweise visuelle, akustische oder taktile Reize eingesetzt werden.

Was bedeutet „bilateral“?

„Bilateral“ bedeutet beidseitig.

Bei einer bilateralen Stimulation wechseln sich Reize beispielsweise zwischen der rechten und linken Seite ab:

- ein Licht bewegt sich von rechts nach links

- akustische Signale wechseln zwischen den Ohren

- leichte taktile Impulse wechseln zwischen rechter und linker Körperseite

- die Aufmerksamkeit folgt einem Reiz abwechselnd auf beiden Seiten

Diese rhythmische Wechselbewegung kann dabei helfen, die Aufmerksamkeit zu bündeln und einen äußeren Orientierungspunkt zu schaffen.

Was hat das mit EMDR zu tun?

EMDR steht für Eye Movement Desensitization and Reprocessing.

EMDR ist eine psychotherapeutische Methode, die insbesondere zur Behandlung von Traumafolgestörungen eingesetzt wird. Ein zentraler Bestandteil einer vollständigen EMDR-Behandlung ist die bilaterale Stimulation, häufig durch geführte Augenbewegungen.

Wichtig ist deshalb die Unterscheidung:

Ein EMDR-Gerät macht noch keine EMDR-Therapie.

Ein Gerät kann bilaterale visuelle, akustische oder taktile Reize erzeugen. Die professionelle EMDR-Behandlung umfasst jedoch wesentlich mehr: eine therapeutische Anamnese, Diagnostik, Vorbereitung, Stabilisierung, gezielte Bearbeitung belastender Erinnerungen und therapeutische Begleitung.

Bilaterale Stimulation im Neurodivergenz-Coaching

In meinem Neurodivergenz-Coaching kann bilaterale Stimulation – je nach individueller Verträglichkeit – als regulierender Wahrnehmungsreiz eingesetzt werden.

Dabei geht es nicht darum, traumatische Erlebnisse eigenständig zu bearbeiten.

Der Fokus liegt vielmehr auf:

Wahrnehmung – Orientierung – Aufmerksamkeit – Regulation.

Ein gleichmäßiger, vorhersehbarer Reiz kann beispielsweise dabei helfen, die Aufmerksamkeit für einen Moment von einer Reizüberflutung weg auf einen klaren äußeren Reiz zu lenken.

Das kann besonders interessant sein, wenn Gedanken sehr schnell laufen oder die Aufmerksamkeit durch zahlreiche gleichzeitig eintreffende Reize gebunden ist.

Für wen kann das interessant sein?

Bilaterale Stimulation kann im Rahmen eines individuellen Coachings beispielsweise bei Menschen interessant sein, die:

- schnell von Reizen überflutet werden

- Schwierigkeiten mit der Aufmerksamkeitssteuerung erleben

- einen hohen inneren Aktivierungszustand wahrnehmen

- Schwierigkeiten mit Übergängen zwischen verschiedenen Aktivitäten haben

- eine zusätzliche Möglichkeit zur Selbstregulation kennenlernen möchten

- von klaren, rhythmischen und vorhersehbaren Reizen profitieren

Dabei gilt immer:

Was regulierend wirkt, ist individuell.

Manche Menschen empfinden wechselnde Licht- oder Tonsignale als angenehm und fokussierend. Andere erleben sie als störend oder überfordernd.

Deshalb wird nicht nach einem starren Schema gearbeitet.

Das Nervensystem gibt die Richtung vor

Im Coaching interessiert mich nicht nur die Frage:

„Was macht ein Mensch?“

Sondern auch:

„Was passiert gerade in seinem Nervensystem?“

Zeigt der Körper Anspannung?

Ist die Aufmerksamkeit überlastet?

Braucht der Mensch Aktivierung oder eher Entlastung?

Ist der eingesetzte Reiz tatsächlich hilfreich – oder erzeugt er zusätzlichen Stress?

Diese Beobachtung ist ein wichtiger Bestandteil einer individuellen Regulationsstrategie.

Eine mögliche Übung

Eine bilaterale Stimulation kann beispielsweise mit einer kurzen, ruhigen Sequenz kombiniert werden:

1. Ankommen

Eine angenehme Sitzposition einnehmen und die Umgebung wahrnehmen.

2. Orientierung

Blick und Aufmerksamkeit auf den angebotenen Reiz richten.

3. Bilaterale Stimulation

Den wechselnden Reizen für kurze Zeit folgen.

4. Körper wahrnehmen

Was verändert sich bei Atmung, Muskelspannung und innerer Unruhe?

5. Nachspüren

Hat sich die eigene Wahrnehmung verändert?

Dabei geht es nicht darum, eine bestimmte Reaktion erzwingen zu wollen.

Nicht jeder Reiz passt zu jedem Nervensystem

Gerade bei Neurodivergenz ist Individualisierung entscheidend.

Licht, Bewegung, Geräusche oder Kopfhörer können für manche Menschen hilfreich sein und für andere eine zusätzliche Belastung darstellen.

Deshalb gilt:

Weniger kann manchmal mehr sein.

Die Stimulation sollte angenehm, kontrollierbar und jederzeit unterbrechbar sein.

Bei akuten psychischen Krisen, schweren Traumafolgen oder wenn belastende Erinnerungen gezielt bearbeitet werden sollen, gehört die Behandlung in die Hände entsprechend ausgebildeter psychotherapeutischer Fachpersonen.

Neurodivergenz verstehen. Entwicklung zulassen. Lösungen anbieten.

Sabrina Harden

Neurodivergenz-Coaching

www.neurodivergenz-coaching.com